„Tolstoi für Aleksandra“ in der Potsdamer Oberlinkirche
Schwedt. Potsdam. Stettin.
Am 28. Mai
gibt es unter dem Titel „Tolstoi für Aleksandra“ um 18.30 Uhr in der
Potsdamer Oberlinkirche zu Gunsten der achtjährigen taubblinden Aleksandra
Kluska aus dem polnischen Dörfchen Krapiel bei Stargard eine Lesung mit Musik.
Der Potsdamer Literat Klaus Hugler, die Filmschauspielerin Karoline
Hugler und ihr Bruder Anselm lesen aus dem Werk Lew Tolstois.
An der Orgel spielt der Prenzlauer Kantor Hannes Ludwig als Premiere
Tolstoi-Werke und Musik, die der Dichterfürst über alles geliebt hat.
Miroslawa Kluska, die
Großmutter von Aleksandra, will zu dieser Veranstaltung mit dem taubblinden
Mädchen nach Potsdam reisen.
Im Rahmen der Veranstaltung
will das Ehepaar Lindemann aus Schwedt Aleksandra eine weitere Spende
übergeben. Bereits im vergangenen Herbst sind sie persönlich nach Krapiel
gefahren, um sich nach dem Mädchen zu erkundigen und haben ihr 1000 Euro als
Hilfe für das kleine Mädchen überlassen. Das Ehepaar wurde über die
Berichterstattung der verschiedenen Medien auf das Schicksal des Mädchens
aufmerksam. Die 87-jährige Ilse Lindemann hatte ihre einstige Heimat im
Stargarder Raum.
Gemeinsam mit Mitarbeitern
des Kompetenzzentrum für Taubblinde sollen im Oberlinhaus
Möglichkeiten eruiert werden, die Therapie in Polen zu fördern.
„Wir hoffen, dass wir an
diesem Abend und mit dem Verkauf des Büchleins der kleinen Aleksandra weiter
auf ihrem Weg helfen können. Ich würde mir wünschen, dass in der Kooperation vom
Oberlinhaus mit den entsprechenden Institutionen in Polen das Mädchen im Rahmen
der Möglichkeiten noch besser gefördert werden kann. Das hilft auch der
Großmutter und der ganzen Familie“, sagt PoDeSt-Chef Frank Bürger.
Zum Ende der Lesung mit
Musik verkauft der Veranstalter PoDeSt ein Tolstoi-Brevier mit
einzigartigen Sentenzen des russischen Dichterphilosophen. Der Erlös aus
dem Verkauf kommt dem taubblinden Mädchen zu Gute.
Die Produktion der
Plakate lag in den Händen der Abteilung Druck des Berufsbildungswerkes im
Oberlinhaus unter Leitung von Matthias Lessig. Der Kalender, der von
der Druckerei imedia GmbH in Prenzlau hergestellt wird, kann ab dem
28. Mai über den Verein PoDeSt, die Altstadtbuchhandlung,
Karthausstraße 12, 16303 Schwedt und Buchläden in Potsdam erworben
werden.
Auch die Stadt Schwedt
hat weitere Unterstützung zugesagt.
Hintergrundinformationen:
Eine Woche lang hat die
taubblinde achtjährige Aleksandra gemeinsam mit ihrer Großmutter
Miroslawa Kluska Anfang März die Möglichkeit, das Kompetenzzentrum für
Taubblinde des Verein Oberlinhaus in Potsdam intensiv kennen zu lernen. Ziel
dieser Woche war es, die Fähigkeiten und Kompetenzen von Aleksandra
festzustellen und der Großmutter die Möglichkeiten und Chancen einer gezielten
und umfangreichen Förderung aufzuzeigen.
Die taubblinde Aleksandra
leidet an einer Frühgeborenen-Retinopathie. Im Sommer 2007 hatte Lidia Dzwinka,
Sprecherin der polnischen Gesellschaft der Kinderfreunde den deutschen Verein
Polnisch-Deutsche Standortentwicklung PoDeSt e. V. um Hilfe für das
taubblinde Mädchen gebeten. Mit vielen Aktionen in Schwedt, Groß Pinnow,
Wartin und Prenzlau sind inzwischen 4 720 Euro auf deutscher Seite zusammen
gekommen. Auch auf polnischer Seite wurde vom Caritasverband für
Aleksandra eine Spendenaktion angestoßen. Über das Engagement der Medien
kamen dort über 7000 Zloty zusammen.
Bei der Amtseinführung
des neuen Oberlin-Vorstehers Matthias Fichtmüller wurde am 1. April
für Aleksandra gesammelt. Laut Medienberichten kamen 900 Euro zusammen.
Eine Operation im August
vergangenen Jahres in der Greifswalder Universitätsklinik konnte ihr zwar die
Schmerzen nehmen, jedoch nicht ihr Sehvermögen wiederherstellen.
Zum Tolstoi-Brevier
Hier ein Interview mit dem
Autor, dem Potsdamer Literaten Klaus Hugler.
Sehr geehrter Herr
Hugler, was hat sie dazu bewegt, ein Tolstoi-Brevier auf den Markt zu bringen?
Bei meiner jahrelangen Beschäftigung mit Tolstoi trat
mir die Aktualität seiner Botschaft immer deutlicher vor Augen. Viele Menschen
sehen sich heute vor dieselben Fragen gestellt, wie Tolstoi seinerzeit. Es sind
die Fragen nach dem Sinn des Lebens, die sich für ihn mit der Frage nach dem Tun
des Menschen verknüpft. Das war eine Entdeckung beim Lesen Tolstois. Und so
wurde dann die Idee für ein Brevier geboren.
Wie haben Sie das Tolstoi
Brevier gestaltet?
In dem Brevier finden sich für jeden Tag des Jahres
zwei Gedanken Tolstois, die aufeinander bezogen sind. Entweder ergänzen sie
einander, oder sie beschreiben gar eine widersprüchliche Position, die für
Tolstoi meist nur eine scheinbar widersprüchliche ist. In jedem Falle geben sie
zu denken.
Auch das Porträt von Tolstoi auf dem Deckel dürfte
etwas Besonderes sein. Dabei handelt es sich um eine bisher unveröffentlichte
Gouache eines Malers, der zu den sogenannten „vergessen Sezessionisten“ gezählt
wird, und Ende der 20er Jahre in Berlin u. a. in einer Ausstellung zu sehen war,
in der auch Picasso vertreten war.
An wen wendet sich das
Tolstoi-Brevier?
Das ist mir eine suspekte
Frage, denn in dem Maße, in dem ich einen potentiellen Leser „anvisiert“ hätte,
hätte ich von Tolstoi selbst absehen müssen. Mir ging es darum mit diesem
Brevier Tolstois gesamte Weltanschauung zur Sprache zu bringen.
Als die Rohfassung
vorlag, gab ich meinen Schülern, jeweils zu ihrem Geburtstag, daraus ein
Tolstoiwort mit auf den Weg in das neue Lebensjahr. Sie lieben diese Worte, und
einige von ihnen warten nun sehnsüchtig auf das Erscheinen des Buches, aber ich
hatte bei der Entstehung des Buches nur die Idee, Tolstois Weltanschauung
umfassend darzustellen vor Augen.
Welche Quellen haben Sie
benutzt?
Vor Jahren hatte ich
angefangen Tolstoiliteratur zu sammeln. Ich fand die Veröffentlichungen seiner
ersten Anhänger, die ihn noch persönlich kannten, interessanter, als etwa die
Veröffentlichungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt gekommen sind.
So habe ich dann aus ganz alten Quellen geschöpft, und ich habe es dabei
bewusst in Kauf genommen, dass Leser dieser Sentenzen manchmal auch der Wortwahl
wegen einen Gedanken mehrmals lesen müssen, geht es mir damit doch nicht um
„Abhaken“, sondern um die „Tiefenwirkung“ der Worte. Dass Tolstois Gedanken bei
manchen Lesern Widerspruch erwecken wird, ist zu erwarten. Das war auch zu
seinen Lebzeiten so.
Wie sind Sie gerade auf
Leo Tolstoi gekommen?
Die Russen sind mir
überhaupt sehr nahe. Schon während meines Studiums hatte ich mich mit
Dostojewski befasst. Und immer wieder bin ich durch meine Beschäftigung mit
ethischen Fragen und politischen Themen und auch durch meine Publikationen zu
Egidy, Bruno Wille, Adolf Damaschke und Erich Mühsam auf Tolstoi gestoßen, als
eine Quelle, aus der sie schöpften. Also war meine eigene Auseinandersetzung mit
Tolstoi längst überfällig. Und in dem Brevier spiegelt sie sich nun wieder.
Was verbindet Sie mit dem
Dichterfürsten?
Es ist das Empfinden,
was mich zutiefst mit ihm verbindet. Manchmal spricht er mir geradezu aus dem
Herzen.
Sie haben das Werk der
taubblinden Aleksandra gewidmet, was verbindet Sie mit dem Mädchen?
Ich weiß nicht, was mich
mit dem taubblinden Mädchen Aleksandra verbindet, aber wenn das Buch erschienen
ist, ist es eben dieses Werk selbst, das mich mit ihr verbindet. Und wenn es mit
dazu beiträgt diesem Kind zu helfen, dann liegt auch darin ein Sinn meiner
Arbeit, der mir nur recht ist. Und Tolstoi hätte daran auch Gefallen gefunden,
dessen bin ich mir sicher.
Bei
der Präsentation des Breviers in der Oberlinkirche gibt es Musik von Leo
Tolstoi. Etwas Besonderes, oder?
Das ist wohl war. Ich bin selbst gespannt darauf,
Tolstois Botschaft in seiner Musik zu erleben.
Wie kann ich die
limitierte Ausgabe der „Stimme des Gewissens“ erwerben?
Natürlich kann das Buch am
28. Mai in der Potsdam-Babelsberger Oberlinkirche erworben werden, und ebenfalls
in einigen ausgewählten Buchhandlungen Potsdams, aber vielleicht auch bei den
anderen beiden Tolstoiveranstaltungen, die in Potsdam aus Anlass seines 180.
Geburtstags Anfang September geben wird.
Werden Sie sich weiter
mit Tolstoi beschäftigen?
Das ist so sicher, wie das
Amen in der Kirche. Nicht nur die eben wähnten Tolstoiveranstaltungen zum 180.
Geburtstag sind ein Ausdruck dessen.
|